Üben im Flow (...oder die Kunst der Hingabe)
Bericht vom Seminar & Audio Interview

Im September 2005 nahm ich an einem interessanten Seminar teil (ist doch immer gut wenn man sich einbisserl weiterbildet..), das der Bremer Diplompsychologe und Violinlehrer Andreas Burzik in Rheinbach in der Nähe von Bonnhielt. Veranstalter war die Musikschule Meckenheim-Rheinbach. Dabei hatte ich Gelegenheit am Rande ein ausführliches Interviewmit dem Seminarleiter zu machen, das Ihr Euch unten als mp3s downloaden könnt...

Was mir vom Seminar und dem Gespräch im Sinn geblieben ist bzw. ein paar "Reflektionen" meinerseits, möchte ich Euchberichten bzw. bin ich schon fleißig dabei in meinen Unterricht & Übepraxis zu integrieren...(so bin ich zu Euch - was Ihrhier alles gratis kriegt ;-).


Andreas Burzik, der Seminarleiter

Üben im Flow - was ist das?

Auf www.ueben-im-flow.de könnt Ihr Euch direkt beim Dozenten selber informieren. Beim Seminar in Rheinbach erzählte Andreas Burzik, wie er zu Erforschung dieser Methode gekommen ist. Es ging ihm schon früh in seiner Musikerlaufbahn darum herauszufinden, welche Faktoren das Üben leicht und angenehm machen (und natürlich auch effektiv..). So notierte er sich jede positive Erfahrung beim Üben, wenn z.B. die Konzentration oder Bewegungsabläufe besonders leicht fielen, und versuchte den Grund herauszufinden, was diese "Leichtigkeit" ausmachte bzw. wie man sie gezielt trainieren konnte.

Er merkte dann aber, dass die Notizen nichts brachten. Er geriet quasi „zufällig“ in den Jahren nach seinem Studium beim Üben in diese wunderbaren Zustände, in denen alles unglaublich Spaß machte und alles ganz leicht ging. Er traute dem Ganzen aber nicht so recht, weil er dachte, "das macht zuviel Spaß, kann ja wohl nichts bringen...".

Veröffentlichungen zum Thema "Flow" des amerikanischen Psychologen Mihaly Csikszentmihalyi (keine Panik, ist eigentlich ganz leicht auszusprechen: "Tschik-ßent-Mihaji"..), der erstmalig den Zustand des völligen Eintauchens in eine Tätigkeit bei Künstlern und Sportlern untersuchte, verursachten bei Burzik ein "Heureka" Erlebnis (für alle Nicht-Griechen: "Das ist es!"..). Hier fand er den Zustand beschrieben, auf den er beim Üben/Musizieren getroffen war und den er als "anstrengungslos, hoch konzentriert & beglückend" erlebte.

Man kann also sagen, "Üben im Flow" ist, wie der Name schon sagt, ein Üben wo Alles fließend & leicht geht, wo hohe Konzentration ohne Anstrengung erreicht wird, ein Üben, das große Freude macht und sehr effektiv ist. Ich denke, jeder von Euch hat schon mal ähnliche Erfahrungen beim Üben/Musikmachen erlebt, gut ist zu wissen (oder auf einem Flow Seminar zu lernen..), wie man aktiv diesen Zustand herbeiführen kann.


Wie erreicht man/frau den Flow Zustand?

1. Kontakt zum Instrument
Um in den Zustand des Flow am Instrument zu kommen, ist es zunächst wichtig einen guten Kontakt zum Instrument zu etablieren. Gemeint ist damit ein sattes, gutes Gefühl an den Punkten, an denen man das Instrument berührt, wie verwachsen, manche sagen auch, dass sich das Instrument dann warm, weich, formbar anfühlt.


 


Andreas Burzik erklärt einer Teilnehmerin das guteKontaktgefühl in der Greifhand

Ernesto's (Audio) Interview mit Andreas Burzik zum Thema
Kontakt & "Wellenreiten" mit dem Instrument (mp3 - 1,8 MB)

2. Die Entwicklung des Klangsinnes
Es ist wichtig, konsequent auf die Klangqualität der selbst erzeugten Töne zuachten. Mr. Burzik spricht hier von einer bewussten Sensibilisierung für die Obertöne. Wie heißt es doch soschön, "der Ton macht die Musik". Dabei geht es im ersten Herangehen an ein Stück nicht um einen perfektenKonzertklang, sondern eine Klangqualität, die man selbst als schön, warm und ästhetisch empfindet, also eine Klangqualität,mit der man sich innerlich verbinden kann.


Zunächst langsam Ton für Ton, Klang und Gefühl verbessernd,
rhythmisch frei durch's Stück/die zu übende Passage...

Ernesto's Interview mit Andreas Burzik zum Thema
Aufgehen in selbsterzeugten Klängen (mp3 - 4 MB)


dazu auch:
Andreas Burzik zum Thema
Konzentration auf den Klang (mp3 - 2,7 MB)

3. Das Gefühl der Anstrengungslosigkeit
Möglichst locker und leicht soll sich das Üben/Spielen anfühlen. Dabei ist es nötig,zunächst einmal Vereinfachungen von Bewegungsabläufen zu finden (kreativ sein beim Üben ist also angesagt...) oder sich aufeinen sehr kleinen Ausschnitt zu konzentrieren. Deshalb darf man/frau sich auch dem Übematerial locker ohne Einhalten vonRhythmik etc. nähern - es geht darum das Gefühl der Leichtigkeit zu finden und konsequent beizubehalten.


... leicht soll's gehen.

Ernesto's Interview mit Andreas Burzik zum Thema
Flow fühlen (mp3 - 1,6 MB)


dazu auch:
Andreas Burzik zum Thema
Klanglöcher füllen (mp3 - 2,9 MB)

4. Der spielerische Umgang mit dem Übematerial
Die ersten drei Punkte - den angenehmen Instrumentenkontakt, den idealen Klang & dasGefühl der Anstrengungslosigkeit zu finden – erfordern einen spielerischen, freien Umgang mit dem Übematerial. DasStück wird Ton für Ton und frei von allen Vorgaben wie Rhythmus, Dynamik, Phrasierung oder Stil "erforscht“.Der Seminarleiter ließ die aktiven Teilnehmerinnen sich zunächst durch die Passagen ihrer Stücke„hindurchtasten“. Die Schönheit des Tons und das Wohlgefühl bei seiner Erzeugung standen im Vordergrund.

Mit wachsender Sicherheit entwickelt sich dann spontan und von innen heraus der natürliche Drang, das Stück in seineroriginalen Version zu spielen. Bis dahin darf & soll frei, improvisierend und erkundend mit den Tönen umgegangen werden(womit vielleicht mancher "Klassiker" erstmal Probleme haben könnte...).

Andreas Burzik zum Thema
spielerisch mit Lust am Klang (mp3 - 4 MB)


Mehr Statements von Andreas Burzik:

Die Klarheit der Ziele - Rückmeldung vom Instrument (mp3 - 2,6 MB)

Die Balance von richtiger Anforderung durch ein Musikstück und denFähigkeiten (mp3 - 1,9 MB)

Was ist dem Flow hinderlich/förderlich? (mp3 - 2,3 MB)


... und zum Schluß noch die gute Nachricht für LehrerInnen:

Wie verhindere ich als LehrerIn Unterricht bis zur Erschöpfung? (mp3 - 4,1 MB)

Fazit:
Ein toller, inspirierender Workshop, den ich allen MusikantInnennur wärmstens an Herz legen kann (schaut mal auf
www.ueben-im-flow.de nach Terminen..). Ich merke jetzt schon, wie ich selbst und meine SchülerInnen von den Anregungenund Forschungsergebnissen des Special Flow Agent Andreas Burzik profitieren. Meine Schülerin Luisa prägte heute schon denBegriff, daß "die Finger plötzlich magnetisch werden", als ich ihr eine Übung á la flow zeigte - prima!

Von Andreas Burzik empfohlene themenverwandte Bücher sind:

Volker Biesenbender "Die unerträgliche Leichtigkeit desInstrumentalspiels"
Hier bei Notenbuch.de

Volker Biesenbender "Aufforderung zum Tanz"
Hier bei Amazon

 

Gerade neu erschienen ist das

"Handbuch Üben" vom Breitkopf & Härtel Verlag.

Darin gibt's es einen ausführlichen Artikel von Andreas Burzik zum ThemaÜben im Flow. Aber auch sonst ist im ca. 500 Seiten starken Buch sehr viel Nützliches zum Thema Üben zu finden - Rezension kommtin einem der nächsten Newsletter.

Hier bei Amazon

 

Weitere gute Bücher zum Thema Üben:

Mentales Training "Mentales Training für Musiker" von Renate Klöppel

Beim mentalen Training, das man ja auch von Sportlern kennt, geht es darum sich Bewegungsabläufebildhaft und gefühlsmäßig vorzustellen, und sich so perfekte Bewegungen anzutrainieren ohne, daß man sie tatsächlichausführt. DIe Methode bietet u.a. den Vorteil, daß man sich ohne Ablenkung durch körperliche Anstrengung völlig auf diegeistigen Prozesse, die dabei ablaufen, konzentrieren kann und diese entspannt üben kann.

Beim Musiker kommt zu dem Vorstellen der Bewegung auch die Vorstellung des Klangs dazu. D.h. man stellt sich nicht nur dieBewegung auf dem Instrument vor, sondern auch die dazu gehörenden Töne. Dadurch trainiert man auch mehr Ausdruck insein Spiel zu legen, mal ganz abgesehen davon, daß man sein "inneres Ohr" trainiert, was einem z.B. das Raushörenvon Melodien einfacher macht. Außerdem geht es in dem Buch auch darum, einfacher mit Auftrittssituationen fertig zu werden. Mankann z.B. lernen locker auf der Bühne zu spielen, wenn man es vorher geistig positiv durchlebt hat.

Ich hab' mich gleich mit Begeisterung auf mein derzeitiges Übungsstück das berühmteBach Präludium in C-Dur gestürzt (was ich übrigens Morgen auf 'ner Hochzeit mit unserer Sängerin als "Ave Maria"serviere..:-) und bin beim Spazierengehen das Stück im Geiste (bewegungsmäßig und tonal) durchgegangen, daß ich mir vorherschon etwas im Datail angesehen habe. Am selben Abend konnte ich es locker auswendig und relativ perfekt runterspielen.

Zugegeben, es tut sich bei diesem Stück nicht so viel außer einigen wüsten Akkordwechseln (die aber nach mentaler Vorarbeiteindeutig besser klappten!), aber es ist schon ziemlich genial, wenn man ohne eine Gitarre in der Hand zu haben ein Stück übenkann. Jedenfalls findet man in diesem Buch über mentales Training viele nützliche und gut formulierte Anregungen,Berichte von berühmten Musikern zu diesem Thema und Übungen um diese Technik zu lernen. Ich kann es jedem ambitioniertenMusikanten (natürlich auch Rock und Jazzmusikern) nur wärmstens ans Herz legen.

Hier gibt's das Buch bei AMAZON:
http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3764924446/gitarrenlinksde

Clever üben... von Mark A. Gieseke
Was ich seit 20 Jahren meinen Schülerlein zum Thema effektivenÜben predige (und noch einiges mehr ;-) findet Ihr in diesem Buch (dabei hab' ich's noch nicht mal geschrieben...). GuteTipps, worauf es beim Üben wirklich ankommt, Notenbeispiele, Weisheiten zur Übemoral u.v.m. - toll!

Weisheiten wie, "vor allem Übergänge üben" (mit konkreten Beispielen), "auf schwere Stellenkonzentrieren", "richtiges Übetempo finden" u.v.m.
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